Jeden Sonntag, in der Regel um 10.30 Uhr, findet in der Martin-Luther-Kirche ein Gottesdienst statt. Zwischen 20 und 30 Menschen besuchen in der Regel einen "normalen" Sonntagsgottedienst. In seinem Ablauf folgt er einer festen Ordnung, die im Folgenden erläutert wird.

Gottesdienst - Karrikatur oder Geheimnis?

Alles, was wirklich wichtig ist im Leben, fliegt uns nicht einfach so zu. Viele Menschen merken das bei "Mathe" in der Schule und der "Raumlehre", zu der man noch das Wort "Geometrie" lernen muss. Oder lesen Sie die "Packungsbeilage" bei einer Medizin, die Ihnen wirklich hilft und die Sie immer wieder gerne anwenden. Aber verstehen Sie die Zusammensetzung?

Vielen Menschen geht das mit dem Gottesdienst ähnlich. Man ahnt schon, dass es dabei um die Verehrung Gottes geht und um das Geheimnis des Glaubens in Brot und Wein - aber dem wollen in unserer Braunschweiger Landeskirche die meisten nicht zu nahe kommen. Die überwältigende Zahl der Menschen ist Mitglied der Kirche, geht aber selten hin. Die Nähe und Verehrung Gottes bleibt eher unheimlich. Da redet man mehr "über" den Pastor und die Kirchenvorsteher oder über irgendetwas, was einem nicht gefällt als "mit" Gott. Das Verhältnis zu dem lebendigen Gott und dem ebenso lebendigen Gottesdienst verkümmert zur Karikatur. Das muss aber nicht sein!

Oft ist es schon beim Hineinkommen in die Kirche und bei der Platzsuche klar, wie "man" den Gottesdienst erleben wird. Man trifft sich, man grüßt sich, man sitzt mittendazwischen oder man geht hinten in Deckung und man weiß nicht so recht, wie man sich verhalten soll. Was soll ich denn machen, wenn alle an ihrem Platz erst einmal stehen bleiben und die Hände falten? Der Opa wusste es! Sein Unteroffizier hatte gesagt: "Stilles Gebet bis ´fufzehn' und, wenn der Pastor kommt, nach unten gucken, Klappe halten, Hände falten!" Die "Freiheit eines Christenmenschen" (Martin Luther) sieht anders aus. Wer künftig in Oker in die Kirche geht, muss auch dann nicht in Deckung gehen, wenn er sich etwas fremd fühlt. Da gibt es jetzt ein kleines Faltblatt im Gesangbuch mit der Gottesdienstordnung und die ist eigentlich toll. Diese Ordnung ist eingebettet in die Jahrhunderte wie die Oker in das Flussbett, aber das Wesentlich, das Wasser der Oker ist immer frisch und lebendig.

Die Pfarrer, Prädikanten, Lektoren und Kirchenvorsteher geben sich große Mühe und keiner muss in Oker mit der Karikatur eines Gottesdienstes leben. In der Ev. Kirche in Deutschland (EKD) gibt es seit dem Jahre 2000 ein gemeinsames "Ev. Gottesdienstbuch" - also etwas länger als den EURO! Der Unterschied ist nur, dass wir uns an den Euro viel schneller gewöhnt haben.

Wie gesagt: Alles, was wirklich wichtig ist im Leben, fliegt uns nicht einfach so zu. Dazu gehören auch die Veränderungen im Leben. Keiner kann sein Leben lang auf dem religiösen Stand seiner Konfirmation stehen bleiben. Sonst empfindet er / sie den Gottesdienst auch als "Fremde Heimat Kirche".

Eins haben die Reformen der letzten Jahre deutlich gemacht. Unser Gottesdienst hat eine klare Struktur und lässt sich in vier Bereiche gliedern:

Eröffnung und Anrufung

(das ist die Begrüßung mit dem 1. Lied und die "Eingangsliturgie")

Verkündigung und Bekenntnis

(das sind die Lesungen, das Glaubensbekenntnis und die Predigt)

Abendmahl

(das ist das Wort Gottes unter den beiden Zeichen von Brot und Wein)

Sendung und Segen

(das ist der persönliche Auftrag und der Segen, den wir "mitnehmen")

 

Durch das neue Gottesdienstblatt im Gesangbuch wird dann alles deutlich entfaltet und keiner, der selbst ein bisschen offen ist, muss sich im Gottesdienst fremd fühlen.

Da gibt es nach dem Orgelvorspiel die Begrüßung, das 1. Lied und das Psalmgebet im Wechsel. Man hat schnell heraus, dass die Psalmen jetzt im hinteren Drittel des Gesangbuches stehen (Nr. 702 - 760). Das Psalmgebet im Gottesdienst war früher seltener. Fast alle, die den Gottesdienst mitfeiern, erleben darin eine Bereicherung. Das berühmte "Ehre sei dem Vater ... " hat seinen Sinn im Lobpreis des dreieinigen Gottes nach dem alttestamentlichen Psalm, dem Gesangbuch der Juden. Im Judentum würde natürlich keiner die drei Entfaltungen des einen Gottes preisen. Juden und auch Muslime haben ein viel engeres Gottesbild. Sie erleben Gott nicht menschlich, leidend und geistig. Unser Glaube ist an der Stelle sehr differenziert und es dauert oft lange, ehe ein Mensch beginnt, den einen Gott in seiner vollen Entfaltung zu verehren. Das ist in der mosaischen Religion einfacher (Gott, der Schöpfer) und Allah ist bei den Muslimen der eine, statische Gott, basta! Wir rufen mit dem "Kyrie", das es heute in vielen Melodien und Sprachformen in unserem Gesangbuch gibt, nach dem Erbarmen Gottes und drücken unsere Verehrung mit dem "Gloria" aus: "Allein Gott in der Höh' sei Ehr ... ". Auch dazu gibt es vielfältige Formen, weil Gott vielfältig ist und niemals statisch. So schwingen schon im ersten Teil des Gottesdienstes Grundfragen des Glaubens mit.

Das bleibt natürlich auch im 2. Teil (Bekenntnis und Verkündigung) so. Lesungen, Glaubensbekenntnis(se) und Predigten sind uns vertraut. Hier kommt in jeder Hinsicht Bewegung in den Gottesdienst. Dazu ist im neuen Faltblatt auch das Aufstehen und Hinsetzen vermerkt. Das ist nicht nur für den Kreislauf wichtig, sondern auch für das bewusste Verehren Gottes. Wer hingeflegelte, pubertäre Konfirmanden beobachtet, der weiß, dass Aufstehen mit dem „Geradestehen für eine Sache" und dem Zuhören zu tun hat. Wir Lutheraner sind da mit den Bewegungen noch sparsam im Vergleich zu unseren katholischen Geschwistern, die sich immer auch noch „klein machen vor Gott" (knien) oder denken Sie an die Fülle der Bewegungen bei der Gottesverehrung in der Moschee.

Das Zuhören bei Lesungen und das Predigthören ist in unserer Zeit der "akustischen Berieselung" und der Hintergrundmusik ein eigenes Nachdenken wert. Nach der Predigt und dem dazu passenden Lied kommt der Alltag mitten in den Gottesdienst mit den Bekanntmachungen und  Gemeindenachrichten (Abkündigungen). Wir alle leben in der Welt und verlassen den Gottesdienst auch wieder in Richtung Alltag. Gut, dass es bei uns für fast alle den Sonntag gibt. Ein teures Gut, wie der Gottesdienst selbst. Das haben in der Diskussion um die Ladenöffnungszeiten viel mehr Menschen als früher bemerkt.

Wenn kein Abendmahl gefeiert wird, folgt das Gebet für andere und uns, das ´Fürbittengebet'. Das brauchen wir alle, die Frommen und die Fernstehenden, wie "das liebe Brot" (Luther), denn Gott will gebeten werden. Jesus hat nichts von seinen großen, wunderbaren Taten ohne Gebet getan. Da beten die vielen Einzelnen gemeinsam und der Pastor sollte möglichst selten bei dem Fürbittengebet allein am Altar stehen und die Gemeinde sollte fast immer auf die einzelnen Teile des Gebetes antworten. Nach dem Vaterunser folgt ein Wechselgesang. Das ist   gegenseitige Vergewisserung und Dank, ehe allen der Segen Gottes zugesprochen wird. Segen empfangen wir immer, keiner kann ihn sich trotzig nehmen. Bleibt dann die Gemeinde beim Orgelnachspiel sitzen oder rufen die häuslichen und sonstigen Pflichten so übermäßig, dass kaum noch die Muße für den Ausklang mit dem Orgelnachspiel bleibt? Das wäre schade. Spätestens hier merken alle, dass erfahrene, gute OrganistInnen sich auf den Gottesdienst gründlich vorbereitet haben. Ein Gottesdienst ist immer "Livemusik" und immer ein Gesamtkunstwerk von Gestaltung, Wort, Musik und eben "Verkündigung" und Verehrung des einen, wahren und Leben schaffenden Gottes.

Meistens wird man nach dem Gottesdienst an der Tür verabschiedet oder bleibt noch zum "Kirchenkaffee" zusammen.

Wenn allerdings das Heilige Abendmahl gefeiert wird, dann hat der Gottesdienst doch einen anderen Charakter. In Goslarer Kirchen haben die Heimkehrer nach 1945 durchgesetzt, dass an jedem Sonn- und Feiertag der ganze Gottesdienst gefeiert wird. Üblich ist sonst in der Braunschweigischen Landeskirche die Feier des Heiligen Abendmahls monatlich am ersten Sonntag. Zu dieser Feier will ich nur einige Anmerkungen machen. Nur wer mitfeiert, kann in der Tiefe verstehen, warum Jesus, der Christus, an seinem letzten Lebensabend diese Feier als Vermächtnis eingesetzt hat. In seinem Wort und in diesem Sakaramt ist das ganze Neue Testament konzentriert. Martin Luther hat alles, was in dieser Feier geschieht, biblisch begründet. Das neue ´Ev. Gottesdienstbuch' hat fast alles wieder ins Bewusstsein gehoben, was da seit der Reformation in der Liturgie verlorengegangen ist. Nur in unseren Gemeinde wird immer noch auf Sparflamme gefeiert. Das beginnt schon mit der Bezeichnung. Im Neuen Testament heißt diese Feier "Eucharistie" - das bedeutet "Abendmahl aus Dankbarkeit". Ich kann gar nicht verstehen, warum unsere Kirche, die doch von Martin Luther allein auf die Schrift gegründet ist, diesen biblischen Ausdruck nicht benutzt. Abendmahl ist eine zu schwache Eindeutschung. Wir kennen natürlich alle die beiden großen biblischen Gesänge, das "Dreimal heilig", das eine Prophetenberufung aus dem Alten Testament" mit der Weihnachtsgeschichte verbindet, und das "Christi, du Lamm Gottes", diesen Hinweis Johannes des Täufers aus dem Neuen Testament auf den, der kommen wird. Selbstverständlich gehören die Einsetzungsworte zur ´Feier der Dankbarkeit' und das 'Vater unser' als Tischgebet. Aber vielleicht nutzt die Gemeinde in Oker mit dem neuen Gottesdienstblatt auch die sehr tief greifende Anregung des neuen Ev. Gottesdienstbuches und singt regelmäßig den biblischen Wechselgesang: [Groß ist das]  "Geheimnis des Glaubens. Deinen Tod, o Herr verkünden wir ... ".  Die kath. Liturgie hat diesen uralten, biblischen Gesang seit Jahrzehnten auch wieder aufgenommen. Wenn die St. Konrad Gemeinde wirklich geschlossen werden sollte, dann könnte die ev. Gemeinde diesen gemeinsamen, eucharistischen Gesang in ökumenischer Verbundenheit  aufnehmen und weiterführen. Damit wären wir am Ende weit weg von der "Karikatur" und ganz dicht am "Geheimnis des Glaubens".

(von Heinz Fischer, Goslar, jetzt i. R., Pf. der Marktkirche in Goslar und Propst in Helmstedt)

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