"Ich würde doch so gern glauben, aber ich kann nicht? Mache ich etwas falsch? Kann ich den christlichen Glauben nicht irgendwie erlernen?"

Der Glaube ist ein Geschenk Gottes: "Denn wider Du noch ich künnten immermehr etwas von Christo wissen noch an ihn gläuben und zum Herrn kriegen, wo es nicht durch die Predigt des Evangelii von dem Heiligen Geist würde angetragen und uns in Bosam [d.h. ins Herz] geschenkt ." (Der große Katechismus deutsch, BSLK, 654 - Ergänzung in Klammern und kursiv Gedrucktes vom Verfasser dieses Beitrages, Pfarrer Wieland Curdt). Aus dieser fundamentalen Einsicht der Reformation ergibt sich, dass Glaube letztlich weder zu lehren und noch zu lernen ist. Als Werk des Heiligen Geistes entzieht er sich dieser menschlichen Verfügbarkeit. Er ist von Menschen aus eigener Kraft nicht mach- und erzwingbar.

Dass Gott den Glauben im Menschen wirkt, bedeutet jedoch nicht, dass Gott den Menschen zum Glauben zwingt. Das Geschenk vom Heiligen Geist überwältigt den Menschen nicht. Denn "ist er es, der den Glauben wirkt, weil er für den Menschen und sein Leben ist, so ist es des Menschen Entscheidung gegen Gott und sein eigenes Leben, wenn er sich dem Glauben verschließt." (Joest, Wilfried: Der Weg Gottes mit den Menschen. Dogmatik, Bd. 2, Göttingen 1996, 4. Auflage, 467). Wenn sich der Mensch aber dem Geschenk Gottes verschließen kann, dann kann er sich diesem Geschenk aber auch öffnen. Diese Hinwendung zu Gott schließt eine Lernbereitschaft ein. Anders gesagt: Der Glauben ist nicht erlernbar, aber ohne Lernen kann der Glaube nicht sein.

Wenn Glauben ohne Lernen nicht sein kann, stellt sich die Frage: Welche Bereiche des Glaubens sind lernbar? Glaube ist immer auf einen Gegenstand, auf einen Glaubensinhalt bezogen. Dieser Glaubensinhalt gehört notwendig zum Glauben hinzu; d.h. christlicher Glaube ist immer ein Glaube an etwas. Der Glaubensinhalt muss auf kognitiver Ebene formuliert und reflektiert werden. Diese Fähigkeit ist lernbar.

Doch ist Glaube nicht nur ein kognitiv-rational zu fassender Begriff, sondern eine lebendige Vertrauensbeziehung, eine Haltung, die im Leben eines Menschen konkrete Gestalt annimmt. Dieser Glaubensvollzug ist in seiner äußeren Gestaltwerdung lern- und empirisch wahrnehmbar: Spirituelle Lebensformen wie Beten, Meditieren, Gottesdienstbesuch, ein dem Glauben gemäßes Verhalten, Vollzug entsprechender Riten, Bibellese, Singen geistlicher Lieder etc.

Diese äußerlich erlernten Formen der Gottesbezeugung müssen allerdings nicht identisch mit der inneren Glaubensüberzeugung sein. Sie können sich aber über den praktischen, wenn auch zunächst rein äußerlichen Vollzug erschließen, in ihrer Wirkkraft erfahrbar und schließlich zu einer inneren Glaubensüberzeugung werden. Und genau dies ist nach reformatorischem Verständnis ein zentraler Punkt: die Gestaltwerdung des Glaubens als Frucht des göttlichen Geistes (vgl. Epheserbrief 2,8-10). Über diese Quelle des göttlichen Geistes, über dessen Wirksamkeit im eigenen Leben, verfügt der Mensch nicht. Sie kann durch keinen Prozess des Lernens und Lehrens aufgetan werden und hat nichts mit dem intellektuellen Leistungsvermögen zu tun.

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